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Forschung, Weiterbildung und Lehre im Dienste der Patientenbehandlung

„Personal vor Zäune“ – mit diesem Slogan umschrieb der frühere Psychiatriereferent des Sozialministeriums Baden-Württemberg das Programm der Forensischen Klinik in Reichenau, das sich seit 1997 an dem Konzept der therapeutischen Gemeinschaft auf gruppenanalytischer Grundlage orientiert. Zentral hierbei ist die Annahme, dass demokratisch und funktional geleitete Gruppen Gesundheit, Sicherheit und eine akzeptierende Kultur schaffen können. Dies stellt einen radikalen Bruch, eine existenzielle Paradoxie dar. Der Maßregelvollzug ist aufgezwungen, er retraumatisiert Patienten, die andere traumatisierten und die häufig selbst traumatisiert wurden.

Die unterschiedlichen psychologischen Niveaus von Ich-Reifung und Symbolisierung bei den Patienten bedingen unterschiedliche Schwerpunkte in den Einzel- und Gruppentherapien. Die Einzelpsychotherapie dient der Entfaltung der Innenwelt des Patienten auch in ihren schambesetzten Anteilen. Sie bezieht nicht nur die Lebensgeschichte vor der Einweisung, sondern auch die gegenwärtigen Beziehungsmuster sowohl gegenüber dem Psychotherapeuten, vor allem auch gegenüber den Mitpatienten sowie den anderen Mitarbeitern der Abteilung, in ihre Deutungsarbeit ein. Die Sozialarbeiter beraten den Patienten vor allem in finanziellen Angelegenheiten sowie bei der Ausgliederung in Arbeit und Wohnen außerhalb der Einrichtung, sprechen sich engmaschig mit Psychotherapie und Pflege ab, vermeiden eher Deutungen und bleiben auf der Handlungsebene. Die Mitarbeitenden der Pflege gestalten den Stationsalltag mit den Patienten, die sehr zur Selbstständigkeit angeregt werden, beispielsweise durch Koch- und Haushaltstrainings, in der Gestaltung ihrer Zimmer wie auch der Gemeinschaftsräume, ferner arbeiten sie zunehmend psychotherapeutisch in der individuellen Bezugspflege.

Wesentlich in der psychoanalytischen Tradition der therapeutischen Gemeinschaft sind die klar abgegrenzten Funktionen, das heißt, dass in den bisher genannten Begegnungen keine Entscheidungen über Vollzugsänderungen getroffen werden, sondern in einer Gruppenversammlung der Behandler in der Letztverantwortung des in dieser Gruppe anwesenden Abteilungsleiters. Zentral sind ferner Gruppentherapien, in denen die Patienten unter fachkundiger therapeutischer Leitung offen ihre Probleme ansprechen können, wobei die Abteilungs- und Stationsleiter auch die Gruppentherapien leiten. Dies fördert eine gemeinsame Verbindlichkeit der Stationskultur, die sich auf alle Bereiche positiv auswirkt (Hoffmann et al. 1999).

Der gruppenanalytische Ansatz betont im Sinne des Netzwerkes die Einbettung forensisch-psychotherapeutischen Arbeitens in die Matrix sowohl der gesamten Institution als auch der Justiz und der lokalen wie überregionalen Öffentlichkeit. Vor allem letztere erwartet optimale Sicherheit, eine Erwartung, die übrigens auch die meisten Patienten voneinander haben. Forensische Patienten sind angehalten, bei Beginn der extramuralen Unterbringung, das heißt, des Lebens und Arbeitens außerhalb der Institution, aber noch in unserer Behandlung und Pflege, ihren Arbeitgebern und Vermietern im Beisein eines Mitarbeiters der Abteilung offen zu sagen, dass sie forensische Patienten sind. Das dient der allgemeinen Sicherheit viel mehr als das öffentliche Vermelden von Tätern in der Gemeinde, wie es in anderen Staaten praktiziert wird. Sowohl der Patient als auch die Umgebung haben ein Sicherheitsinteresse, und Sicherheit wächst mit gegenseitiger Akzeptanz. Ein Mensch, der sich total ausgeschlossen und angeprangert erlebt, ist ähnlich stark rückfallgefährdet wie ein Mensch, der vor seiner unmittelbaren Umgebung viel von seiner wesentlichen Lebensgestaltung verbergen muss.

Wesentlich sind in diesem Konzept die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung sowie die Supervision aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um eine therapeutische Grundhaltung der gesamten Institution zu erreichen. Dafür ist eine Gesamtkultur des Hinterfragens notwendig, in der alle Aspekte der Behandlung und alle Beziehungen (nicht nur die der Patienten, sondern auch der Mitarbeitenden) hinterfragt werden können (Skogstad 2001).

Als erste forensische Klinik in Deutschland schulten wir 2015 alle therapeutischen Mitarbeiter in Operationalisierter Psychodynamischer Diagnostik (OPD). Seit 2010 kommen wir auch auf unserer Aufnahme- und Kriseninterventionsstation praktisch ohne Fixierungen aus, Nachteinschluss wird aus therapeutischen und juristischen Gründen nach wie vor nicht durchgeführt (siehe Bulla & Hoffmann 2012).

Entsprechend § 36 PsychKHG Baden-Württemberg ist die Reichenauer Klinik aktiv in Qualitätssicherung, Wissenschaft und Forschung. Im Rahmen des akademischen Lehrkrankenhauses der Universität Konstanz absolvieren Studierende der Psychologie seit vielen Jahren Fallseminare in Forensischer Psychotherapie sowie Kurse über Psychoanalyse und können über die apl.-Professur des Medizinischen Direktors qualifizierende wissenschaftliche Arbeiten betreuen lassen. Auch mit dem Lehrstuhl für Forensische Psychotherapie an der Universität Ulm (Professor Dr. med. Manuela Dudeck) sowie der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Ulm (Professor Dr. med. Harald Gündel) sowie dem in der Ulmer Klinik integrierten Projekt Dunkelfeld (Elisabeth Quendler) bestehen enge Vernetzungen. Der Koordinator der Forensischen Prozessforschung, Professor Dr. hum. biol. Thomas Ross, ist in der Lehre der Universität Ulm tätig.