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Gruppenpsychotherapieprozessforschung

Die Wirksamkeit von Gruppenpsychotherapie im ambulanten und stationären Setting und die damit verbundenen Wirkmechanismen sind im Allgemeinen gut belegt, nicht aber für Gruppenpsychotherapien im forensisch-psychiatrischen Umfeld. Erfolgreiche Behandlungsverläufe sind zwar klinisch evident, für das letztgenannte Handlungsfeld liegen international und damit auch im deutschsprachigen Raum aber vergleichsweise wenige empirisch fundierte Befunde vor. Man weiß noch nicht einmal genau, ob die im Rahmen der allgemeinen Gruppenpsychotherapieforschung zur Anwendung kommenden Methoden bei der Arbeit mit Maßregelvollzugspatienten überhaupt praktikabel und entsprechende wissenschaftliche Designs sinnvoll umsetzbar sind. Forensisch ausgebildete klinische Mitarbeiter sehen dringenden Forschungsbedarf in diesem Bereich und würden mittelfristig die Erarbeitung wissenschaftlich gestützter und verbindlicher Handlungsleitlinien für die Behandlung der psychotherapeutisch häufig nicht leicht erreichbaren forensischen Klientel begrüßen. Aus diesem Mangel, der auch aufgrund der zweifelsohne zentralen gesellschaftspolitischen Bedeutung nach ersten Schritten einer Behebung drängt, gehen folgende Fragestellungen und Ziele für das hier durchzuführende Projekt hervor.

Die Fragestellungen sind aufgrund der fehlenden wissenschaftlichen Datenbasis aus Vorstudien, ohne die keine spezifischen Ausgangshypothesen gebildet werden können, recht allgemein gehalten.

1)  Welche therapeutischen Wirkfaktoren in der Gruppentherapie mit allgemein psychiatrischen Patienten lassen sich in Gruppentherapien mit forensisch-psychiatrischen Patienten abbilden?

2) Sind übliche Forschungsansätze praktikabel?

3) Wie ist das Spektrum der Erfassung und welche Besonderheiten sind zu beachten?

4) Wo sind Interventionsschwerpunkte zu setzen?

Ausgehend von der Annahme, dass forensisch-psychiatrische Gruppen in anderen Patientengruppen ähnlicher Art und Weise beforscht werden können, hat die Studie folgende Ziele:

1)  Abbildung und Beschreibung gruppentherapeutischer Prozesse von forensisch- psychiatrischen Patienten.

2) Untersuchung des Zusammenhangs zwischen gruppentherapeutischen Prozessvariablen und einer Reihe von Outcomekriterien (Therapieerfolg, prognostische Einschätzung, Suchtentwicklung).

Die Untersuchung hat den Charakter einer explorativen Pilotstudie. Untersucht wird eine Gruppe von durchschnittlich acht Patienten im Zentrum für Psychiatrie Reichenau, für die das Gericht die Unterbringung in einer Erziehungsanstalt nach § 64 StGB angeordnet hat. Es handelt sich um eine sogenannte halb-offene Gruppe, d.h. die Gruppe ist insofern variabel besetzt, als Eintritte und Austritte von Mitgliedern während der laufenden Therapie bedingt durch Entlassungen und Aufnahmen vorkamen. Die Gruppe wurde von zwei Therapeuten geleitet und traf sich durchschnittlich viermal pro Woche und 50 Wochen im Jahr. Die Anzahl der untersuchten Sitzungen beträgt also 200 Sitzungen.

Davon wurden bislang 89 Sitzungen mit der Kieler Gruppenpsychotherapie-Prozess-Skala (KGPPS), einem Instrument zur Fremdeinschätzug von Gruppenpsychotherapiesitzungen mit erwachsenen Teilnehmern, eingeschätzt. Zur Bestimmung der Inter-Rater-Reliabilität, die eine notwendige Bedingung für die Validität von Therapiestudien dieser Art darstellt, wurden 16 Stunden von zwei Mitgliedern der Arbeitsgruppe bewertet. Im Zuge der Auswertung der Gruppentherapiesitzungen mit der KGPPS ist es gelungen, die allgemeinen Wirkfaktoren der Gruppenpsychotherapie nach Yalom in einer Gruppentherapie mit forensisch-psychiatrischen Patienten abzubilden. Das heißt, dass die  Fortschreibung solcher Forschungsansätze mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Forschung und Praxis forensischer Psychotherapie im Maßregelvollzug gewinnbringend bleiben wird. Neben der KGPPS wurden im Rahmen der Projektarbeit 242 Fragebogen zur hilfreichen Beziehungsgestaltung (Helping Alliance Questionnaire, HAQ) und 737 visuelle Analogskalen, anhand derer wichtige Verlaufsparameter wie Therapiemotivation und Erfolgserwartung gemessen werden können, ausgewertet.

Zeitgleich mit dem Beginn der Videoaufzeichnungen wurden von den Therapeuten Einschätzungen mittels der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD), dem BEST-Index und anderen, im Untersuchungsplan detailliert aufgeführten Instrumenten durchgeführt.

Das Datenmaterial, das in der Studie erzeugt wird, ist sehr umfangreich und wissenschaftlich reichhaltig. Im Zuge einer gewünschten breiten Ausschöpfung des Datensatzes wurde die Arbeitsgruppe nochmals erweitert. Dr. María Isabel Fontao hat in enger Zusammenarbeit mit Kollegen an der Universität Ulm (ehemalige Sektion Informatik in der Psychotherapie) weitere Forschungsschwerpunkte entwickelt. Dabei geht es um die Fortsetzung eines in der Sektion Forensische Psychotherapie der Universität Ulm ursprünglich angelegten Forschungsschwerpunktes, nämlich die Untersuchung psychotherapeutischer Verläufe forensisch-psychiatrischer Patienten mittels computergestützter Textanalyse. Dabei werden die Faktoren Emotionsaktivierung, Prozesse des Reflektierens und die Generierung von Narrativen durch Textmarker automatisch erfasst und gemessen. Dadurch werden Schlüsselmomente im Therapieprozess, die mit psychischer Veränderung zusammenhängen, identifiziert. Durch die Anwendung weiterer Methoden können dann am klinischen Material veränderungsbegünstigende Prozessfaktoren, die mit dem Auftauchen von Schlüsselmomenten einhergehen, bestimmt werden. Die hier angewandte Methode der Emotions-Abstraktions-Muster von Professor Erhard Mergenthaler und die Software zur computergestützten Textanalyse CM genießen seit Jahren allgemeine Annerkennung in der nationalen sowie internationalen Psychotherapieforschungsszene.

 

Im Sinne des multimethoden-multiebenen Forschungsansatzes, der für Einzelfallstudien die Methode der Wahl ist, werden darüber hinaus derzeit weitere Untersuchungsverfahren am Datenmaterial erprobt. Frau Fontao knüpfte Kontakt mit forschenden Kollegen am Zentrum für Klinische Forschung der Universität Zürich, am Center for Psychotherapy Research der University of Pennsylvania und mit der Psychotherapy Research Group der York University. So war es möglich, die Erlaubnis und die notwendigen Unterlagen zur Anwendung international anerkannter Methoden der Psychotherapieforschung (im Einzelnen: die California Psychotherapy Alliance Scales – Group Version [CALPAS-G] zur Erfassung verschiedener Aspekte der therapeutischen Zusammenarbeit in Gruppen; The Multitheoretical List of Therapeutic Interventions [MULTI] zur sachgerechten Erfassung von therapeutischen Interventionen; und das Narrative Process Coding System [NPCS] zur Identifizierung von Narrativen in Therapieprotokollen) für die Anwendung im Zentrum für Psychiatrie Reichenau zu erlangen. Die Anwendung der oben genannten standardisierten Verfahren dient der Beantwortung bereits formulierter präziser Fragestellungen über Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ebenen des Gruppentherapieprozesses (die Gruppe als Ganzes, einzelne Teilnehmer, Gruppenleitung) und trägt so zur Integration wissenschaftlicher Befunde in die klinische Praxis im Maßregelvollzug bei.

Die schon seit Jahren bestehende Kooperation mit dem Lehrstuhl für Klinische Psychologie der Universität Konstanz (Professor Brigitte Rockstroh) wurde ausgebaut, so dass demnächst mit einer weiteren Verstärkung der Arbeitsgruppe mit Personen, die Aufgaben von studentischen wissenschaftlichen Hilfskräften übernehmen sollen, zu rechnen ist. Frau Dipl. Psychologin Frauke Kilvinger, die von der Reichenauer Arbeitsgruppe betreut wurde, hat im Dezember 2009 ihre Diplomarbeit über aussagepsychologische Aspekte der forensischen Gruppenpsychotherapie, die auf dem o.g. Datensatz beruht, an der Universität Konstanz erfolgreich abgeschlossen. Drei weitere Diplomandinnen und Diplomanden (Frau Madeleine Bieg, Frau Carmen Heinrich und Herr Jan Querengässer) haben für ihre Diplomarbeiten Teilfragen, die die Arbeitsgruppe an das vorhandene Datenmaterial gestellt hatte, bearbeitet und beantwortet. Die Anleitung dieser Arbeiten und die inhaltliche Ausgestaltung des gesamten Arbeitsschwerpunktes Gruppenpsychotherapieforschung wurde und wird ganz wesentlich von Frau Fontao geleistet, die 2010 von einer renommierten Forschungseinrichtung in Spanien einen Forschungspreis für Ihre wissenschaftlichen Arbeiten erhalten hat. Sie hat unsere Arbeit 2011 unter anderem auf der Tagung der Society for Psychotherapy Research (SPR) in Bern vorgestellt

 Des weiteren wird in der Abteilung Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des ZfP Reichenau der BEST-Index (Behavioural Status Index) als für den Pflegebereich verbindliches Erhebungsinstrument lebenspraktischer Fertigkeiten von Patienten eingeführt. Der BEST-Index eignet sich zur vertieften Informationsgewinnung über Verhaltensressourcen und Verhaltensdefizite der Patienten und dient der fortlaufenden Therapieplanung und - evaluation. Im Rahmen der Prozessoptimierung für den Arbeitsbereich Pflege wurde eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich im Rahmen eines bundesweit innovativen Pilotprojekts mit der Einführung spezifischer forensischer Pflegediagnosen beschäftigt und dabei die Vorgaben des BEST-Index in besonderer Weise berücksichtigt. Diese Entwicklung ist in Deutschland einzigartig und wird aus Sicht der Projektleitung und –koordination anhaltende Wirkung zeigen.