Blick von einer Empore in einen bunt bestuhlten Festsaal mit Bühne.

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Warum das Gedenken an die NS-Opfer unverzichtbar ist

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Warum das Gedenken an die NS-Opfer unverzichtbar ist /

Im Vordergrund ist das Mahnmal aus schräg stehenden Granitstelen zu sehen, im Hintergrund die Teilnehmenden des Gedenktags am 27. Januar 2026.

Am Mahnmal versammeln sich rund 80 Menschen, um den 508 ehemaligen Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz zu gedenken, die von den Nationalsozialisten systematisch ermordet worden sind.

Was bedeutet das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus für eine Einrichtung wie das ZfP Reichenau nach über 80 Jahren? Welche Lehren daraus ziehen wir für unsere Arbeit heute? Diese Fragen ziehen sich durch den Gedenktag am 27. Januar.

Es ist still am Mahnmal vor Haus 20, als Pflegedirektorin Angela Häusling an die 508 Patientinnen und Patienten erinnert, die in den Jahren 1940 und 41 aus der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz deportiert und ermordet worden sind. Anhand der Patientin Rosa Maria Schweikert zeichnete sie nach, wie der Massenmord durch alltägliche, ärztliche und pflegerische Handlungen möglich wurde. 

Sie war mehrfach in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht, bis sie 1941 gemeinsam mit mindestens 76 anderen Patientinnen und Patienten nach Wiesloch gebracht wurde. Von dort aus wurde sie mit einem grauen Bus in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht, wo sie noch am selben Tag ermordet wurde.

Aus der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau begleitete auch medizinisches Personal den Transport. Ein Arzt war verantwortlich für die medizinische Selektion und Begleitung, eine Pflegerin war zuständig für die praktische Betreuung, also das Ein- und Aussteigen, die Kontrolle der Vitalzeichen und die Beruhigung der Menschen. 

Als „unheilbar“ oder „arbeitsunfähig“ aussortiert

Die Deportation war als Verlegung getarnt. In Hadamar entschied Dr. Adolf Wahlmann, welche Patient:innen als „unheilbar“ oder „arbeitsunfähig“ aussortiert worden. Irmgard Huber, leitende Krankenschwester, verabreichte nach vorheriger ärztlicher Anordnung tödliche Medikamentendosen. Rosa Maria Schweikert wurde 48 Jahre alt.

„Alle Erwähnten handelten nicht aus Unwissen, sondern als aktive Täterinnen und Täter im Klinikalltag. Ärzte entschieden, Pflegekräfte führten aus.“, sagte Häusling. Das Personal habe zunächst mit Entsetzen und Empörung auf die Todestransporte reagiert, danach mit deprimierender Resignation. Angela Häusling: „Das Schicksal von Rosa Maria Schweikert macht deutlich, dass Verantwortung in der Pflege und Medizin nicht nur theoretisch, sondern praktisch und individuell, auch heute, gelebt werden muss.“

Zwei Frauen, die linke spricht in ein Mikrophon.

Pflegedirektorin Angela Häusling und Sozialpädagogin Caroline Renz bei der Ansprache.

Mehrere Menschen knien am Mahnmal nieder, um dort Christrosen in Blumentöpfen aufzustellen.

Teilnehmende stellen Christrosen vor und auf das Mahnmal, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken.

Im Vordergrund ist seitlich das Mahnmal mit den Blumen zu sehen, im Hintergrund stehen Teilnehmende.

Nachdem die Blumen abgestellt wurden, versammeln sich die Teilnehmenden noch einmal kurz vor Haus 20.

Im Vordergrund sind die Granitstelen des Mahnmals zu sehen, im Hintergrund die rund 80 Teilnehmenden.

Rund 80 Teilnehmende sind zusammengekommen, um der 508 Patientinnen und Patienten zu gedenken, die von den Nazis deportiert und ermordet worden sind.

Chrstrosen stehen vor und auf dem Mahnmal, das aus einem zentralen Granitblock und seitlichen, schräg stehenden Stelen besteht.

Vor und auf dem Mahnmal stehen Christrosen, die an die 508 von den Nationalsozialisten ermordeten Patientinnen und Patienten erinnern sollen.

Die Inschrift des Mahnmals lautet: "508 Patienten der Heilanstalt Reichenau wurden 1940/41 in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet - dies mahnt uns, das Leben jedes Menschen zu achten und zu schützen."

Ein Mann steht an einem Rednerpult und hält einen Vortrag.

Prof. Dr. Thomas Müller spricht am Gedenktag über "Forschung, Ausbildung, Erinnerungskultur. Unser Umgang mit der NS-Geschichte in den Zentren für Psychiatrie".

Der bunte Webteppich hat 508 Bahnen. Jede steht für ein Opfer aus der NS-Zeit.

Dieser Webteppich entstand im Winter 2025/26 im Gedenken an die 508 ermordeten Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, die 1940/41 im Rahmen der Aktion T4 ermordet wurden. Jede der 508 Webreihen repräsentiert ein Opfer.

In seinem Vortrag widmete sich Prof. Dr. Thomas Müller, Leiter der Abteilung Bildung und Wissen sowie des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik der Medizin am ZfP Südwürttemberg, dem Thema „Forschung, Ausbildung, Erinnerungskultur. Unser Umgang mit der NS-Geschichte in den Zentren für Psychiatrie“. 

„Machtmissbrauch ist zu jeder Zeit ein relevantes Thema“, sagte Müller, der mit seinem Team verschiedene Gruppen über die NS-Geschichte der Psychiatrie aufklärt, darunter Mitarbeitende und Auszubildende des ZfP, Studierende, Patient:innen und Angehörige. Ein Fokus des Teams liegt zudem auf der schulischen Bildung. 

Was es mit der „Zwischenanstalt“ auf sich hat

Müller und seine Kolleginnen und Kollegen haben sich zuletzt viel mit der Psychiatrie in Zwiefalten beschäftigt. Sie haben recherchiert, welche Funktion die Einrichtung als „Zwischenanstalt“ hatte, wer dort und im Stuttgarter Innenministerium die Verantwortung trug. 

Zwiefalten wurde durch Verlegungen als Sammelpunkt für Menschen aus ganz Baden-Württemberg genutzt, insbesondere auch für jüdische psychisch Erkrankte, die als unauffällige Patient:innen von Psychiatrien oder Bewohner:innen von Pflegeheimen gelebt hatten und so zunächst „durchs Raster“ des NS-Regimes gefallen waren. Von dort aus wurden die Menschen in Tötungsanstalten deportiert – immer gerade so viele, dass man sie an einem Tag töten konnte. 

„Kein Mensch hat jemals in Grafeneck übernachtet“, machte Müller klar. Um die Taten zu verschleiern, aber auch, um an Geld zu gelangen, wurde der Todeszeitpunkt um Wochen und Monate später angegeben. Auf diese Weise kassierten die Täterinnen und Täter für die Ermordeten noch Pflegegeld, obwohl nie jemand gepflegt worden ist. 

Patient:innen weben im Gedenken einen Teppich

Knapp 80 Menschen folgten der Einladung zum Gedenken. In den Gedenkakt des ZfP Reichenau sind jedes Jahr auch Patientinnen und Patienten eingebunden. In einem Projekt beschäftigen sie sich zusammen mit Mitarbeitenden über mehrere Wochen mit dem Thema und beteiligen sich am Gedenkakt vor dem Mahnmal. Diesmal lasen sie Texte vor, die sie teils in der Literaturwerkstatt für den Gedenktag erarbeitet haben.

In Haus 20 wurde außerdem ein Teppich ausgestellt, den Patient:innen unter Anleitung von Kunsttherapeutinnen gewebt haben. Er besteht aus 508 Fäden, die an die Opfer aus Reichenau erinnern. Der kleine bunte Teppich ist in den nächsten Monaten in der ökumenischen Kapelle zu sehen.