Was bedeutet das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus für eine Einrichtung wie das ZfP Reichenau nach über 80 Jahren? Welche Lehren daraus ziehen wir für unsere Arbeit heute? Diese Fragen ziehen sich durch den Gedenktag am 27. Januar.
Es ist still am Mahnmal vor Haus 20, als Pflegedirektorin Angela Häusling an die 508 Patientinnen und Patienten erinnert, die in den Jahren 1940 und 41 aus der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz deportiert und ermordet worden sind. Anhand der Patientin Rosa Maria Schweikert zeichnete sie nach, wie der Massenmord durch alltägliche, ärztliche und pflegerische Handlungen möglich wurde.
Sie war mehrfach in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht, bis sie 1941 gemeinsam mit mindestens 76 anderen Patientinnen und Patienten nach Wiesloch gebracht wurde. Von dort aus wurde sie mit einem grauen Bus in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht, wo sie noch am selben Tag ermordet wurde.
Aus der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau begleitete auch medizinisches Personal den Transport. Ein Arzt war verantwortlich für die medizinische Selektion und Begleitung, eine Pflegerin war zuständig für die praktische Betreuung, also das Ein- und Aussteigen, die Kontrolle der Vitalzeichen und die Beruhigung der Menschen.
Als „unheilbar“ oder „arbeitsunfähig“ aussortiert
Die Deportation war als Verlegung getarnt. In Hadamar entschied Dr. Adolf Wahlmann, welche Patient:innen als „unheilbar“ oder „arbeitsunfähig“ aussortiert worden. Irmgard Huber, leitende Krankenschwester, verabreichte nach vorheriger ärztlicher Anordnung tödliche Medikamentendosen. Rosa Maria Schweikert wurde 48 Jahre alt.
„Alle Erwähnten handelten nicht aus Unwissen, sondern als aktive Täterinnen und Täter im Klinikalltag. Ärzte entschieden, Pflegekräfte führten aus.“, sagte Häusling. Das Personal habe zunächst mit Entsetzen und Empörung auf die Todestransporte reagiert, danach mit deprimierender Resignation. Angela Häusling: „Das Schicksal von Rosa Maria Schweikert macht deutlich, dass Verantwortung in der Pflege und Medizin nicht nur theoretisch, sondern praktisch und individuell, auch heute, gelebt werden muss.“









